Geschichte der Landesbibliothek

Die Landesbibliothekstradition der heutigen Universitäts- und Landesbibliothek kann bis auf das Gründungsdatum ihrer Vorgängereinrichtung zurückgeführt werden, der mit der Verfügung vom 3. April 1770 von Kurfürst Karl Theodor von der Pfalz gegründeten öffentlichen Bibliothèque für das Herzogtum Jülich-Berg.

Der Bestandsaufbau der Bibliothek basierte von Anfang an auf einer Art Pflichtexemplarverordnung: Alle im Herzogtum Jülich-Berg zur Verwaltungsspitze gehörenden Beamten hatten bei ihrer Einstellung ein Buch oder den Gegenwert von 10 Talern und eine Gebühr von 4 Talern an die Bibliothek abzuliefern. Es durften nur Fachbücher eingereicht werden. Romane waren ausdrücklich ausgeschlossen. Die genannte Verordnung wurde 1809 durch eine Verfügung aufgehoben und ein dem heutigen Verständnis von Pflichtexemplar eher entsprechendes Gesetz abgelöst. Das hieß nun: Alle im Großherzogtum Berg ansässigen Verleger mussten jeweils ein Exemplar ihrer Produktion an die Kurfürstliche Bibliothek abliefern. Diese Verordnung hatte bis 1849 Bestand.

Die politisch motivierten wechselnden Bezeichnungen der Bibliothek spiegeln die landesbibliothekarischen Ambitionen deutlich wider:

1794: Besetzung des linken Rheinufers durch Napoleon: Kurfürstliche Hofbibliothek,
1806: Gründung des Großherzogtums Berg: Großherzogliche Hofbibliothek,
1822: Gründung der Preußischen Rheinprovinz: Königliche Landesbibliothek,
1904: Übernahme durch die Stadt Düsseldorf: Landes- und Stadtbibliothek,
1993: Einrichtung einer kooperativen Landesbibliotheksstruktur: Universitäts- und Landesbibliothek.

Dieses landesbibliothekarische Selbstverständnis wird durch die Bestandspolitik unterstützt: 1786 wurde die Bibliothek des Düsseldorfer Jesuiten-Kollegs (4.430 Bände) inkorporiert, 1892 die Sammlung der Düsseldorfer Familie Günther sowie 1908 die Bibliothek des Städtischen Historischen Museums mit ihrem reichen Bestand zur Düsseldorfer Lokalgeschichte und zur niederrheinisch-bergischen Region. Außerdem gelangten durch Säkularisation 22.000 Bände aus den umliegenden Klöstern inklusive Handschriften und landeskundlichem Quellenmaterial in die Bibliothek. Zu Beginn des 20. Jahrhunderts wurde das systematische Sammeln der Regionalliteratur vom ersten wissenschaftlich ausgebildeten Leiter der Landes- und Stadtbibliothek, Constantin Nörrenberg, gefordert und umgesetzt. Unter seiner Ägide wurden alte Düsseldorfer Drucke retrospektiv erworben, er baute eine umfassende regionale Zeitungssammlung auf, erweiterte die bestehende Heine-Sammlung und nahm Manuskripte und Autographen bedeutender Düsseldorfer Schriftsteller, Künstler und Musiker in den Bestand auf, unter anderem von Friedrich Heinrich Jacobi, Karl Immermann, Friedrich Wilhelm von Schadow und Heinrich Kruse. 1909 erhielt die Bibliothek das Pflichtexemplarrecht für amtliche Veröffentlichungen aus dem Regierungsbezirk Düsseldorf. Es wurde 1970 auf die Universitätsbibliothek übertragen. Im gleichen Jahr erfolgte die Schließung der Landes- und Stadtbibliothek und die Übergabe des Bestands an das Land Nordrhein-Westfalen. Die etwa 500.000 Bände gingen als Grundstock an die Bibliothek der 1965 gegründeten Universität Düsseldorf.

Als einzige größere Bibliothek in Nordrhein-Westfalen hat die Landes- und Stadtbibliothek Düsseldorf den Zweiten Weltkrieg weitgehend unbeschadet überstanden. Gleichwohl ist ihre Geschichte nicht frei von bedauerlichen Verlusten. Zwischen 1810 und 1820 mussten mehrmals Bestände, darunter auch Inkunabeln und Handschriften, an die neu gegründete Universitätsbibliothek Bonn sowie an Gymnasialbibliotheken in Essen und Düsseldorf abgegeben werden. 1822 erzwang die Verschlechterung der Raumsituation weitere Abgaben bzw. Makulatur. Sechzehn Jahre später wurden für wertlos erachtete mittelalterliche Chorbücher verkauft. Die moderne Manuskript- und Autographensammlung von Düsseldorfer Künstlern und Dichtern wurde nicht der neuen Düsseldorfer Universitätsbibliothek, sondern dem 1970 gegründeten Heinrich-Heine-Institut übereignet.

Günter Gattermann, der erste Direktor der jungen Düsseldorfer Universitätsbibliothek, war im Auftrag des Ministeriums maßgeblich an der Gestaltung der kooperativen Landesbibliotheksstruktur Nordrhein-Westfalens beteiligt. Ab 1993 durfte sich die Universitätsbibliothek neben Bonn und Münster Universitäts- und Landesbibliothek nennen. Sie erhielt das Pflichtexemplarrecht für den Regierungsbezirk Düsseldorf und erstellte bereits seit 1983 ohne expliziten ministeriellen Auftrag zusammen mit der UB Münster die Nordrhein-Westfälische Bibliographie.

Zu den Landesbibliotheksaufgaben im weiteren Sinn zählt die Bibliothek die sichere Aufbewahrung, Pflege, Erschließung, Digitalisierung und Bereitstellung des ihr 1970 anvertrauten und in den folgenden Jahren vermehrten schriftlichen kulturellen Erbes. Zurzeit liegen ihre Schwerpunkte auf der Erschließung und Digitalisierung der mittelalterlichen Handschriften sowie der bedeutenden Sammlung an Schulprogrammen, Theaterzetteln und der Plakatsammlung. Die bereits geplante Erschließung einer 170.000 Einheiten umfassenden Sammlung von Kapselschriften wird ebenfalls viele für die regionale Forschung bedeutsame Dokumente zutage fördern. Die alten Sammelschwerpunkte werden auf der Basis eines schriftlichen Sammlungsprofils im Rahmen der finanziellen Möglichkeiten weiter gepflegt. Neue Akzente setzt die 2005 ins Haus gekommene Sammlung Janusz Korczak, die Faksimile-Sammlung Urselmann, die Sammlung philosophischer Rara und historischer Lexika und anderes mehr. Im Rahmen von DFG-Projekten konnten bisher der reiche Bestand an mittelalterlichen Handschriftenfragmenten, die Sammlung Vester, die Sammlung Düsseldorfer Malerschule sowie ein Teil der Theaterzettelsammlung digitalisiert werden.

Literatur

  • Gattermann, Günter: Landesbibliotheksaufgaben in Nordrhein-Westfalen. In: Mitteilungsblatt. Verband der Bibliotheken des Landes Nordrhein-Westfalen. N. F. 41 (1991), S. 239–246.
  • Gießler, Joseph: Die Landes- und Stadtbibliothek zu Düsseldorf. Ein geschichtlicher Rückblick. In: Aus der Arbeit der Landes- und Stadtbibliothek Düsseldorf. Düsseldorf 1955 (Veröffentlichungen der Landes- und Stadtbibliothek Düsseldorf ; 2), S. 5–21.
  • Hiller von Gaertringen, Julia: Stadt und Bibliothek. Die Landes- und Stadtbibliothek Düsseldorf in den Jahren 1904 bis 1970. Düsseldorf: Grupello, 1997 (Schriften der Universitäts- und Landesbibliothek Düsseldorf ; 28).
  • 200 Jahre Landes- und Stadtbibliothek. Düsseldorf 1970 (Veröffentlichungen der Landes- und Stadtbibliothek Düsseldorf ; 6).
  • Siebert, Irmgard: Sammlungen entdecken, erhalten, erschliessen und vernetzen. Zehn Jahre Qualitätsdigitalisierung an der ULB Düsseldorf. In: ProLibris 18 (2013) 2, S. 62-69.
  • Siebert, Irmgard: Die Universitäts- und Landesbibliothek Düsseldorf als Teil der Landesbibliotheksstruktur in Nordrhein-Westfalen. In: Labisch, Alfons (Hrsg.): Jahrbuch der Heinrich-Heine-Universität Düsseldorf 2006/2007. Düsseldorf 2007. S. 555-571.

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