Heimkehr eines regionalen Kulturschatzes

Universitäts- und Landesbibliothek Düsseldorf erwirbt mittelalterliche Handschrift

Der Universitäts- und Landesbibliothek Düsseldorf (ULB) ist es gelungen, im Londoner Auktionshaus Christie’s eine mittelalterliche Handschrift zu erwerben, die im 15. Jahrhundert in Essen-Werden entstand und als Teil der Bibliothek der ehemaligen Benediktinerabtei Werden zum schützenswerten Kulturgut der Rhein-Ruhr-Region zählt. Nun wurde die Handschrift von einer Kunstspedition nach Düsseldorf überführt und steht der Wissenschaft, Forschung und interessierten Öffentlichkeit zur Verfügung.

Beginn des 45. Psalms „Deus noster refugium et virtus“

Der kleine Band mit 326 Pergamentblättern enthält die 150 Psalmen des Alten Testaments in lateinischer Sprache, die beim Stundengebet der Benediktinermönche in wöchentlicher Wiederkehr gesungen wurden. Die Seiten sind in schwarzer Tinte in einer spätgotischen Bastarda beschrieben und die Satzanfänge mit roten und blauen Lombarden hervorgehoben. Der Textbeginn sowie die Anfänge der Psalmen 20, 32, 45, 59, 73, 85 und 101 sind mit großen, mehrfarbigen Initialen prachtvoll ausgeschmückt, und zeigen damit den Beginn der täglichen Liturgie für die sieben Wochentage an. Zahlreiche Benutzungsspuren lassen erkennen, dass dieser Psalter tatsächlich sehr rege Verwendung fand. Ergänzend zu den biblischen Psalmen enthält der Kodex Hymnen, die zu besonderen Festtagen gelesen wurden. Ein Kalender mit Einträgen der Namen von Heiligen und ihrer jeweiligen Gedenktage sowie sogenannte komputistische Tabellen zur Berechnung des jährlich veränderlichen Ostertermins wiesen den Betenden darauf hin, an welchen Tagen in den Messen bestimmter Heiliger zu gedenken ist. Auch im Hymnenabschnitt der kleinen Handschrift finden sich schmückende Initialen mit floralen Elementen auf Goldgrund und mit Bordürenrahmung zur Verzierung der Texte.

Ein Besitzvermerk in roter Tinte auf der ersten Seite des Bandes erweist eindeutig die Herkunft der Handschrift: Liber S. Ludgeri Werthinensis Monasterii (ein Buch des Werdener Klosters St. Ludgerus). Diese Abtei, die bereits um 800 n. Chr. durch den Utrechter Priester und Missionar Liudger in Werden (heute Stadtteil von Essen) gegründet wurde, bildete während ihres tausendjährigen Bestehens eine beeindruckende Bibliothek heraus, die über eine große Zahl einzigartiger Buchhandschriften und etwa 11.000 früher Drucke verfügte. Das Kloster besaß auch ein eigenes Skriptorium, in dem versierte Schreiber eigens Handschriften herstellten und kopierten. Im Zuge der Säkularisation 1802/03 wurde das Kloster jedoch aufgelöst und seine umfassende Büchersammlung bedauerlicherweise zerstreut. An Werdener Handschriften sind heute noch etwa einhundert bekannt, von denen ca. ein Drittel in der ULB Düsseldorf verwahrt wird. Die ehemalige Königliche Landesbibliothek zu Düsseldorf (eine Vorgängereinrichtung der ULB) erhielt diese Handschriften und dazu eine größere Zahl von Drucken im Laufe der ersten Hälfte des 19. Jahrhunderts, zusammen mit Buchbeständen aus etwa 24 weiteren rheinischen und westfälischen Klöstern. Seit 1977 befindet sich die gesamte Handschriftensammlung an der Universität Düsseldorf, wo sie seither der Forschung – mittlerweile auch in digitalisierter Form – zur Verfügung steht.

Welchen Weg die jüngst erworbene Werdener Handschrift des späten 15. Jahrhunderts nahm, bis sie kürzlich auf einer Auktion zum Verkauf stand, ist nicht bekannt. Möglicherweise lassen sich bei näherer Untersuchung des Bandes darüber aber noch Erkenntnisse gewinnen. Auf dem vorderen Spiegelblatt, für das ein Fragment einer noch älteren Handschrift verwendet wurde, ist ein ausradierter und damit verblasster handschriftlicher Eintrag zu erahnen, der unter spezieller Beleuchtung wieder zum Vorschein zu bringen ist. Auch der restaurierungsbedürftige Ledereinband über festen Holzdeckeln kann Hinweise auf die – sehr frühe – Geschichte der Handschrift geben: In das Leder sind neben Metallbeschlägen und Buchschließen auch feine Einbandstempel eingeprägt, deren Motive einen Rückschluss auf die Zeit und den Ort der Herstellung des Einbandes ermöglichen könnten.

Darüber hinaus gibt der Einband eine sehr besondere frühere Verwendungsform des kleinen Buches preis: Über den eigentlichen Ledereinband ist ein weiterer Bezug gelegt, der mittlerweile auf die Buchgröße zurechtgeschnitten ist, vormals aber mit Sicherheit weit über die Kanten hinausragte. Es dürfte sich somit um ein sogenanntes Beutelbuch gehandelt haben, das an dem überstehenden Leder wie eine Tasche getragen oder auch am Gürtel befestigt werden konnte. Die geringen Maße des Kodex (118 x 85 mm) in der Größe eines modernen Taschenbuchs boten sich für diese Buchform an, mithilfe derer der Psalter auch unterwegs gelesen werden konnte. Bei den meisten erhaltenen Beutelbüchern wurde das überschüssige Leder später jedoch abgeschnitten, um die Bände in Bücherregale stellen zu können – so offenbar auch bei diesem Exemplar.

Die Direktorin der ULB Düsseldorf, Dr. Irmgard Siebert, freut sich sehr, dass es gelungen ist, diesen besonderen Kulturschatz der Region, für die die ULB als Landesbibliothek den Sammel- und Bewahrungsauftrag innehat, bei der öffentlichen Buchauktion zu sichern und ihn nun zurück in seine ursprüngliche Heimat zu bringen.

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