Erläuterung zum Inventar der mittelalterlichen Handschriftenfragmente

Das vorliegende Inventar umfasst derzeit 689 Handschriftenfragmente.

Bei der Beschreibung der Handschriftenfragmente handelt es sich nicht um eine Katalogisierung im klassischen Sinne, sondern um eine Inventarisierung. Denn bei einem Großteil der Fragmente ist zu wenig Text erhalten, um eine detaillierte Katalogisierung nach sämtlichen Kriterien der Richtlinien der Deutschen Forschungsgemeinschaft (DFG) vorzunehmen. Die Beschreibungen sind bewusst knapp gehalten, um die Übersichtlichkeit der Datenbank zu erhöhen. Die einzelnen Informationen sollen für die Nutzerinnen und Nutzer schnell zugänglich sein.

Bei der Bestimmung von Autor und Titel eines Textes kommt bei Handschriftenfragmenten eine Besonderheit der mittelalterlichen Schreib- und Zitierpraxis zum Tragen: Wenn auf einem Fragment etwa ein Text von Augustinus identifiziert werden kann, bedeutet dies nicht automatisch, dass das Fragment aus einer Augustinus-Handschrift stammt. Es ist ebenfalls möglich, dass es sich um ein längeres Zitat in einem anderen Kontext (z.B. einer Predigt) handelt. Solche ausführlichen Zitate von Kirchenvätern oder auch aus der Bibel waren im Mittelalter gängige Praxis. Daher sind die Kategorien Autor und Titel nur auf das Handschriftenfragment selbst zu beziehen, und können nicht in allen Fällen direkt auf die ursprüngliche Handschrift, aus der das Fragment stammt, übertragen werden.

Die Bestimmung der Provenienzen der einzelnen Fragmente erweist sich als sehr komplex. In den meisten Fällen lässt sich nur die Provenienz des „Makulaturträgers“ nachweisen, das heißt des Zusammenhangs, aus dem das Fragment stammt (z.B. ein Bucheinband oder eine Akte), nicht jedoch die Provenienz des Fragmentes selbst bzw. der Handschrift, aus der es herausgeschnitten wurde. Da es im Spätmittelalter und in der Frühen Neuzeit durchaus üblich war, nicht mehr benötigte Pergamente als „Rohmaterial“ zur Wiederverwendung, etwa an Buchbinder, zu verkaufen, muss die ursprüngliche Provenienz eines Fragmentes nicht zwangsläufig identisch mit derjenigen des „Makulaturträgers“ sein. Dadurch besteht kein zwingender Zusammenhang mehr zwischen den Provenienzen von Trägerband und Handschriftenfragment. In vielen Fällen ist eine Provenienz nicht mehr zu ermitteln, da die Fragmente im 19. und frühen 20. Jahrhundert aus ihrem Verwendungszusammenhang herausgelöst worden sind, ohne dass dieser dabei schriftlich festgehalten wurde. Bei einem anderen Teil der Fragmente lassen sich zwar noch die Bücher nachweisen, aus deren Einbänden sie stammen, aber nicht mehr die Provenienz dieser Bücher.

Eine weitere Herausforderung bei der Bestimmung der Provenienz ist die große Heterogenität des Düsseldorfer Altbestandes. Die Bücher, in denen Handschriftenfragmente gefunden wurden, stammen aus mindestens 29 verschiedenen Bibliotheken, die zumeist während der Säkularisierung aufgelöst wurden. Das kulturelle Einzugsgebiet dieser Bibliotheken, die sich hauptsächlich im Rheinland und am Niederrhein befanden, ist sehr vielschichtig. Die Herkunft der Bücher beschränkt sich nicht nur auf die angrenzenden Regionen wie die Niederlande, das heutige Belgien und Nordfrankreich, sondern reicht in Einzelfällen bis nach England und Italien.

Auf Angaben zur Schriftform (und daraus abzuleiten zur Schriftheimat) wird in den meisten Fällen bewusst verzichtet, da insbesondere bei den spätmittelalterlichen Handschriften (deren Fragmente den weitaus größten Anteil stellen) keine zufriedenstellende, allgemein anerkannte Terminologie existiert. Eine geringe Größe des Fragmentes oder sehr starke Beschädigungen verhindern zudem häufig eine sichere Identifizierung von Schrifttyp und  heimat. Beobachtungen zur Schriftheimat sind nur bei frühmittelalterlichen Fragmenten relevant, da sie wichtige Hinweise zur Provenienz geben.

Auf die Frage des Verwendungszwecks der einzelnen Handschriftenfragmente wird nicht eingegangen, da die inhaltliche Erschließung im Vordergrund steht. Beeinträchtigungen der Texte (z.B. Beschneidungen), die durch die Verwendung entstanden sind, werden in den Kategorien Zustand und Inhalt beschrieben. Auch wurde die Masse der Fragmente bereits frühzeitig (teilweise schon im 19. Jahrhundert) aus ihrem Verwendungszusammenhang gelöst, wobei in sehr vielen Fällen nicht festgehalten wurde, aus welchen Büchern die Fragmente stammten. Deswegen gibt es allenfalls Indizien zu ihrer Verwendung und keine eindeutigen Beweise.

Die Maße der Handschriftenfragmente sind in Höhe mal Breite angegeben. Doppelblätter wurden aufgrund ihrer unterschiedlich starken Beschneidungen in ihrer Gesamtheit vermessen. Die Bezeichnung von Doppelblättern kann sowohl gesamt (1r bzw. 1v pro Doppelblattseite) als auch nach Doppelblatthälften getrennt (2v, 1r bzw. 1v, 2r pro Doppelblattseite) erfolgen. Diese auf den ersten Blick inkonsequent wirkende Bezeichnungsweise ist bewusst gewählt, da sie davon abhängt, wie gut der erhaltene Text in seiner Gesamtheit identifiziert werden kann.

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