Nach Jahren im Matsch und im Keller nun für die Wissenschaft zugänglich*

ULB restauriert und konserviert Tora-Fragmente

50 Stück Pergament, die lange im Matsch und noch sehr viel länger in einem Keller gelegen haben. Beschrieben mit einer Schrift, die die meisten nicht lesen können. Was sind das für Pergamente, was steht darauf, gehören sie zusammen? Spannende Fragen für Wissenschaftler und Studierende am Institut für Jüdische Studien der HHU, handelt es sich doch offensichtlich um Teile von Torarollen. Damit sie die Schriftstücke erschließen konnten, galt es zunächst, die geknickten und vom Schmutz unleserlich gewordenen Dokumente einer konservatorischen Behandlung zu unterziehen. Diese Aufgabe übernahm nun die ULB, in deren Besitz sich die Tora-Fragmente seit August 2018 befinden.

Die Bearbeitung sollte nicht die Spuren der Geschichte auf den Pergamenten verwischen, sondern diese Spuren bewahren und die Pergamente mit all ihren Informationen der Wissenschaft zur Verfügung stellen. So wurden sie nur an stark verschmutzen Stellen soweit gereinigt, bis sich die Schrift wieder erkennen und lesen ließ. Ulrich Schlüter, Leiter der Restaurierungswerkstatt der ULB, und sein Kollege Otmar Wetten, nutzten die Eigenschaft des Pergaments, hohe Feuchtigkeitsmengen aufnehmen zu können, um es dadurch wieder weich und flexibel zu machen. Sie legten jedes Stück einzeln in eine mobile Klimakammer, in der die Pergamente mit kaltem Wasserdampf aus einem Ultraschallverdampfer vorsichtig befeuchtet wurden. „Im Laufe eines Tages nahmen die Pergamente die Feuchtigkeit auf, wurden langsam geschmeidig und konnten aufgelegt werden“ erklärt Schlüter. „Bei einigen Pergamenten musste der Befeuchtungsprozess über Nacht weiter laufen. Sie konnten erst nach 24 Stunden plan gelegt werden.“

Anschließend wurden die Pergamente über Wochen zwischen Pappen getrocknet, da sie einer Luftfeuchtigkeit von 99 % ausgesetzt waren. Erst dann konnten sie konservatorisch verpackt werden. Für die Erschließung der Pergamente durch die Studierenden wurden von den Restauratoren digitale Fotografien erstellt, sodass die Originale nicht benutzt werden mussten.

Nach der konservatorischen Behandlung erfolgte im Wintersemester 2018/19 eine erste wissenschaftliche Erschließung durch acht Studierende des Faches Jüdische Studien in einem Blockseminar von Farina Marx. Mit Hilfe der Ergebnisse aus diesem Seminar kann nun die bibliographische Verzeichnung der Schriftstücke erfolgen, die sicherstellt, dass die Fragmente für die Wissenschaft recherchierbar und damit zugänglich sind.

Von welchem Tier das Pergament stammt und ob es unterschiedlich gefertigt wurde, kann bislang noch nicht zweifelsfrei bestimmt werden. Das Porenbild des Pergaments, das eine Zuordnung erlauben würde, ist von Schlammablagerungen überdeckt und geschlossen. Es bleibt also spannend und es gibt noch viel an diesen Pergamenten zu forschen, zu restaurieren und je nach wissenschaftlicher Relevanz in eine digitale Welt zu überführen. So kann ein noch größerer Kreis zu der Erforschung der Tora-Fragmente beitragen.

Zur Geschichte der Fragmente

Dr. Bernhard Mannheims fand die Fragmente 1944 oder Anfang 1945 auf dem Rückzug der Deutschen Armee aus Griechenland. Mannheims war als Arzt und Entomologe als unbewaffneter Teil der Wehrmacht mit der Schädlingsbekämpfung betraut. Selber kein Parteimitglied war er durch sein Studium als Biologe zu dieser Aufgabe verpflichtet worden. Auf dem Rückzug fand er Pergamente, die er nicht lesen konnte und die zum Stopfen von Schlaglöchern verwendet worden waren. „Er wusste nicht, was das für Pergamente waren, konnte die Schrift nicht lesen. Trotzdem war da wohl der Eindruck, dass es sich um etwas Wichtiges handeln würde – jedenfalls hat er sie im Rucksack mitgenommen und bis nach Hause in Bonn getragen“, erzählt Marx. Da die Fragmente feucht oder sogar in nassem Zustand gefaltet wurden und sie auf dem langen Weg trockneten, waren sie hart geworden und in diesem Zustand gleichsam erstarrt. In Bonn lagen sie bis zum Tod Mannheims 1971 im Keller und gingen dann in den Besitz seines Sohnes Wolfgang über. Nachdem dieser von seinem Vater vor dessen Tod gebeten worden war, die Fragmente zu verwahren, entschied er sich nach vielen Jahren, auch die weitere Verwahrung sicherzustellen und diese schließlich 2018 der Düsseldorfer Universitätsbibliothek zu schenken.

 

* Bei dem vorliegenden Text handelte es sich um eine gekürzte und berarbeitete Version des folgenden Artikels: Victoria Meinschäfer: Nach Jahren im Matsch und im Keller nun wissenschaftlich erschlossen. Studierende der Jüdischen Studien analysieren Tora-Fragmente. In: Magazin der Heinrich-Heine-Universität 01-2019, S. 13–15.

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